Gastbeitrag:
Compagnie des Indes Jamaica New Yarmouth Single Cask Rum 12 Jahre Tasting

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Vorwort

Wie in meinem letzten Beitrag geschrieben, kann ich aktuell gesundheitlich leider selbst keine Tastings machen. Zu meiner Freude hat sich aber Bloggerkollege Christian Lanzerath von Schnaps.blog angeboten einen Gastbeitrag für Ruminfo zu schreiben.
Dafür hat er sich einen viel beachteten und sehr interessanten Jamaica Rum ausgesucht. Das kommt mir auch besonders entgegen, weil ich die Jamaica High-Ester Rums sowieso nicht so sehr mag. Der einzige High-Ester Rum den ich bisher wirklich gut finde ist der Savanna HERR. Da es ein Gastbeitrag ist, gibt es diesmal natürlich keine Punktebewertung, da sie ja nicht vergleichbar wäre. Auch der Aufbau des Tastings richtet sich nach dem Gastautor und wurde von mir nicht geändert.

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal meinen Dank für diesen Beitrag und die tollen Bilder aussprechen.
Aber nun viel Spaß mit dem Tasting von Christian Lanzerath.

Compagnie des Indes Jamaica New Yarmouth Single Cask Rum 12 Jahre

Es gibt ja Menschen, die können dem Geruch von Klebstoff, Verdünnung, Diesel und Möbelpolitur tatsächlich etwas abgewinnen. Ich gebe es zu: Ich bin einer davon (keine Sorge, es geht mir dabei nicht um die Wirkung). Deshalb musst ich mir auch sofort eine Flasche dieses Rums kaufen, nachdem ich die Sample-Flasche geleert hatte, die mir ein anderer Rum-Freund freundlicherweise überließ. Der „Compagnie des Indes Jamaica New Yarmouth Single Cask Rum 12 Jahre“ ist ein High-Ester-Rum und damit der perfekte Rum für Schnüffler wie mich. Aber von Anfang an, denn schon der Name dieses Ungetüms macht eine ausführlichere Erklärung nötig

Single Cask statt bloß Blend-Zutat

Compagnie des Indes (CDI) ist ein unabhängiger Abfüller aus Frankreich, der mit seinen Abfüllungen den Stil der alten Rum-Sorten wiederbeleben möchte. Damit sind jene Abfüllungen gemeint, die während der Kolonialzeit ihren Weg von der Karibik nach Europa fanden. Von CDI gibt es sowohl Single Cask als auch Blended Rums.

In diesem Fall handelt es sich um einen Single Cask Rum aus Jamaica, genauer gesagt: aus der Brennerei New Yarmouth. Der Name wird vielleicht nur eingefleischten Rum-Fans etwas sagen. Ich selbst kannte ihn vorher auch nicht. New Yarmouth gehört zum gleichen Mutterkonzern wie Appleton Estate: J. Wray & Nephew Ltd. Dieser wiederum gehört zu Campari. Aus der gleichen Destille wie mein heutiger Tasting-Kandidat stammen vor allem Brände, die für Blends und massenmarkttaugliche Sorten genutzt werden. Der bekannte Wray & Nephew White Overproof Rum kommt beispielsweise aus den Destillationsanlagen von New Yarmouth. Diese Single Cask-Abfüllung von CDI ist so gesehen eine echte Besonderheit.

Compagnie des Indes New Yarmouth front + Glas

Auskunftsfreudiger Abfüller

Compagnie des Indes New Yarmouth front
Das Etikett der Flasche liefert eine ganze Reihe von Informationen über den Inhalt. Derart detailliert wünscht man sich das auf den Flaschen aller Abfüller. Aber zu viele Informationen könnten ja dem Geschäft schaden – so denken ja nicht wenige Unternehmen in der Lebens- und Genussmittelbranche. CDI macht es besser, denn so erfährt der Leser, dass …

… es sich um einen Single Cask Rum aus der Brennerei New Yarmouth auf Jamaika handelt,
… der Rum im Juni 2005 destilliert und nach der Fassreifung im August 2017 abgefüllt wurde,
… es sich um Rum aus dem Fass mit der Nummer JNY19 handelt,
… es sich um Flasche 182 von 327 aus diesem Fass handelt und
… der Alkoholgehalt bei üppigen 55 Prozent liegt.

Zugegeben: Nicht alle Infos stehen auf dem Etikett, aber CDI macht auch kein Geheimnis draus. So ist der Rum weder nachgefärbt noch nachgesüßt (sonst stünde es drauf), allerdings kühlgefiltert. Außerdem handelt es sich nicht um einen Rum in Fassstärke. Denn in Dänemark beispielsweise ist der gleiche Rum mit ganzen 62 Prozent Alkohol erhältlich. Holla! 55 reichen mir. Genug gequatscht, jetzt zur Verkostung:

Meine Tasting-Notes

Farbe: Der New Yarmouth ist trotz seiner 12 Jahre im Fass recht blass geraten. Er erinnert an Weißwein. Dass hier niemand nachgefärbt hat, sieht man sofort. Ich verstehe das ganze Gezeter um die Farbe einer Spirituose sowieso nicht. Hauptsache ist doch, dass er gut riecht und schmeckt.

Geruch: Selbst wenn man seine Nase nicht tief ins Glas hängt (es reicht schon, sich im selben Raum zu befinden), bekommt man sofort die volle Dröhnung Klebstoff und Benzin geliefert – der Duft eines Rums mit einem hohen Ester-Gehalt. Wer darauf steht und dran bleibt, findet noch mehr: Rosinen, Grüner Apfel, Banane, Ananas, Mango, Pfirsich, Pflaume – ein ganzer Fruchtsalat aus hellem und dunklem Obst. Aber ich finde auch etwas Menthol, Kiefernnadeln und Lakritze. Eine sehr komplexe und vielschichtige Nase, dabei ist der Alkohol nur sehr dezent wahrnehmbar.

Geschmack: Das Aroma von Verdünnung ist im Mund weit weniger ausgeprägt als in der Nase, aber immer noch deutlich. Ebenfalls deutlich: Der Alkohol. Aber für 55 Prozent ist das immer noch sehr angenehm und nicht so stechend, wie man es vielleicht erwartet. Im Geschmack halten sich der erwähnte Fruchtsalat und die Aromen von Menthol sowie Kiefernnadeln in etwa die Waage. Insgesamt ist der Rum im Mund ebenfalls äußerst komplex und eine tolle Mischung aus Süße und Holzigkeit – hier kommt die lange Fasslagerung heraus.

Abgang: An diesem Rum kann man nicht nur lange riechen, sondern er bleibt auch lange auf der Zunge. Nach dem Runterschlucken hat man minutenlang etwas davon.

Compagnie des Indes New Yarmouth front + Glas nah

Fazit: Dieser Rum fordert Aufmerksamkeit

Ist der Compagnie des Indes Jamaica New Yarmouth Single Cask Rum 12 Jahre ein typischer Rum? Sicher nicht! Viele Menschen würden ihn wohl erst gar nicht als solchen erkennen und nach dem ersten Riechen dankend ablehnen. Er ist – wie viele High-Ester-Abfüllungen – kein Rum für Einsteiger. Für mich ist er aber gerade deswegen ein erstklassiger Rum. Er ist außergewöhnlich, vielschichtig und wahnsinnig komplex. An einem Gläschen kann ich mich stundenlang aufhalten, immer wieder daran riechen und schmecken. Diese Zeit sollte man ihm aber auch zugestehen, um die ganze Bandbreite der Aromen mitzubekommen. Der New Yarmouth rückt sie nicht so einfach heraus. Er ist eben auch kein Rum für Ungeduldige.
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Über den Autor

Begeisterter Hobby-Mixologe, Genießer hochwertiger Alkoholika, Freund bedeutungsloser Fachsimpeleien über Sherry-Noten und tertiäre Aromen – das ist Christian Lanzerath, der Mensch hinter Schnaps.Blog. Dort beschäftigt er sich mit Spirituosen, Cocktails und allen möglichen verwandten Themen – und das immer aus seiner persönlichen Sicht.
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